1880 – 1910 · DIE MODERNE HAT VIELE ANFÄNGE
Jahrhundertwende.
Symbolismus, ästhetische Verdichtung und neue Wahrnehmungsformen stehen nebeneinander. Das Gedicht untersucht seine eigene Sprache und seinen Blick auf die Welt.
HINTERGRÜNDE UND ZUSAMMENHÄNGE
Die Epoche verstehen
Keine einzelne Stilrichtung
Die Jahrhundertwende ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche literarische Entwicklungen um 1900. Symbolistische, impressionistische und andere ästhetische Suchbewegungen überlagern sich. Eine gemeinsame Voraussetzung ist das veränderte Vertrauen in selbstverständliche Weltdeutungen. Großstadt, neue Medien und beschleunigte Erfahrung stellen Wahrnehmung und Subjektivität vor neue Aufgaben. Manche Gedichte verdichten sich zur Kunstwelt, andere richten den Blick mit neuer Intensität auf konkrete Dinge.
Sprache und Wahrnehmung werden zum Problem
Die Beziehung zwischen Wort und Gegenstand erscheint nicht mehr selbstverständlich. Bilder können weniger eine feste Aussage illustrieren als Beziehungen erst herstellen. Klang, Farbe und rhythmische Bewegung gewinnen Eigenständigkeit. In Rilkes Dinggedichten wird die genaue Betrachtung zum anspruchsvollen Erkenntnisversuch. Bei anderen Autoren treten symbolische Landschaften und die Erfahrung der Vergänglichkeit in den Vordergrund. Diese Verfahren dürfen nicht zu einem einheitlichen modernen Stil eingeebnet werden.
Was die fünf Beispiele verbindet
Die Auswahl stellt drei Gedichte Rilkes neben Hofmannsthal und George. Eingeschlossene Bewegung, Jahreszeitenwechsel und der Blick auf alltägliche Szenen führen dabei zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Gemeinsam ist den Beispielen die Aufmerksamkeit für die Formung von Erfahrung. Die Gedichte liegen innerhalb oder am Rand mehrerer ästhetischer Strömungen; sie vertreten die Vielfalt einer Übergangszeit, nicht eine lückenlose Definition der gesamten Literatur um 1900.
EIN LESEWEG DURCH DIE EPOCHE
Fünf prägende Gedichte
Eine redaktionelle Auswahl, kein abschließender Kanon: Zu jedem Werk erfahren Sie, warum es die Epoche anschaulich macht. Bei mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten gehören auch Lieder und längere Versdichtungen dazu. Verfügbare Gedichte öffnen Sie im Archiv, weitere Werke über die angegebene Quelle.
Rainer-Maria Rilke
Der Panther
Die genaue Beobachtung des Tiers wird zur sprachlich geformten Erfahrung von Einschluss, Kraft und begrenzter Wahrnehmung.
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäb...
Gedicht im Archiv lesen →Rainer-Maria Rilke
Herbsttag
Jahreszeitliche Bilder öffnen sich auf Zeit, Einsamkeit und die unausweichlichen Folgen eines Übergangs.
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los. Befiehl den letzte...
Gedicht im Archiv lesen →Rainer-Maria Rilke
Das Karussell
Die bewegte Alltagsszene wird durch Wiederholung und wechselnde Blickpunkte als eigene Wahrnehmungsordnung gestaltet.
Mit einem Dach und seinem Schatten dreht sich eine kleine Weile der Bestand von bunten Pferden, alle aus dem Land, das lange zögert, eh es untergeh...
Gedicht im Archiv lesen →Hugo von Hofmannsthal
Ballade des äußeren Lebens
Die Folge alltäglicher Lebensvorgänge führt zur Frage, wie sich aus flüchtiger Erfahrung überhaupt Bedeutung gewinnen lässt.
Werkquelle öffnen ↗Stefan George
Komm in den totgesagten Park und schau
Die scheinbar abgestorbene Landschaft wird durch Auswahl, Farbe und poetische Wahrnehmung zu einem gestalteten Bedeutungsraum.
Werkverzeichnis und Textquellen ↗Die Zuordnung und die Kurzdeutungen sind redaktionelle Einordnungen. Externe Werkbelege können zu Textausgaben, Werkverzeichnissen oder wissenschaftlichen Besprechungen führen. Sie ergänzen die Sammlung, ohne geschützte Volltexte hier zu übernehmen.