1720 – 1785 · VERNUNFT WIRD ÖFFENTLICH
Aufklärung.
Literatur soll prüfen, verständlich machen und zum eigenen Urteil befähigen – auch in Fabel, Naturgedicht und pointiertem Vers.
HINTERGRÜNDE UND ZUSAMMENHÄNGE
Die Epoche verstehen
Der Anspruch auf begründetes Urteil
Aufklärung setzt auf die Möglichkeit, überkommene Vorstellungen vernünftig zu prüfen. Dieser Anspruch verändert auch die Literatur. Dichter und Leser müssen sich nicht allein auf den Rang einer Autorität berufen; sie können Argumente, Erfahrungen und Einwände gegeneinander abwägen. Ein wachsendes bürgerliches Publikum begegnet Literatur in Büchern, Zeitschriften und geselligen Zusammenhängen. Verständlichkeit wird dabei zu einem wichtigen ästhetischen Wert.
Unterhalten und zum Nachdenken führen
Fabel und satirischer Vers bringen allgemeine Fragen in überschaubare Situationen. Ihre Wirkung beruht nicht bloß auf einer angehängten Moral, sondern auf Perspektivwechseln und überraschenden Urteilen. Naturlyrik kann Beobachtung mit religiöser Deutung verbinden. Gefühl und Vernunft schließen sich in dieser Epoche daher nicht grundsätzlich aus: Auch Anteilnahme, Freundschaft und die Freude an der sinnlich wahrgenommenen Welt können Teil aufgeklärter Lebensführung sein.
Wie die Auswahl gelesen werden kann
Gellerts Fabel zeigt gegenseitige Hilfe als praktische Einsicht, seine religiöse Naturlyrik erschließt eine andere Ausdrucksform derselben Zeit. Lessings knappe Gedichte prüfen Wünsche und sprachliche Gewohnheiten. Brockes und Hagedorn erweitern den Blick um Naturwahrnehmung und die Folgen des gesellschaftlichen Aufstiegs. Die fünf Beispiele stellen unterschiedliche Formen vor und sollen nicht den Eindruck erwecken, alle Aufklärer hätten ein einheitliches poetisches Programm verfolgt.
EIN LESEWEG DURCH DIE EPOCHE
Fünf prägende Gedichte
Eine redaktionelle Auswahl, kein abschließender Kanon: Zu jedem Werk erfahren Sie, warum es die Epoche anschaulich macht. Bei mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten gehören auch Lieder und längere Versdichtungen dazu. Verfügbare Gedichte öffnen Sie im Archiv, weitere Werke über die angegebene Quelle.
Christian Fürchtegott Gellert
Der Blinde und der Lahme
Die Fabel macht wechselseitige Abhängigkeit zum Ausgangspunkt vernünftiger Zusammenarbeit.
Von ungefähr muß einen Blinden Ein Lahmer auf der Straße finden, Und jener hofft schon freudenvoll, Daß ihn der andre leiten soll. Dir, spricht...
Gedicht im Archiv lesen →Christian Fürchtegott Gellert
Die Ehre Gottes aus der Natur
Naturbeobachtung und religiöser Lobpreis zeigen, dass aufgeklärte Dichtung nicht notwendig religionsfern ist.
Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort. Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere; Vernimm, O Mensch, ihr gö...
Gedicht im Archiv lesen →Gotthold Ephraim Lessing
Der Wunsch
Die knappe Form lädt dazu ein, persönliche Wünsche und ihre gedanklichen Voraussetzungen kritisch zu prüfen.
Wenn ich, Augenlust zu finden, Unter schatticht kühlen Linden Schielend auf und nieder gehe Und ein häßlich Mädchen sehe, Wünsch ich plötzlich...
Gedicht im Archiv lesen →Barthold Heinrich Brockes
Kirschblüte bei der Nacht
Die genaue Wahrnehmung eines Naturereignisses verbindet sinnliche Aufmerksamkeit mit einer Reflexion über das Erhabene.
Werkverzeichnis und Textquellen ↗Friedrich von Hagedorn
Johann, der muntre Seifensieder
Die Verserzählung untersucht das Verhältnis von Besitz, Ruhe und Zufriedenheit mit satirischer Zuspitzung.
Werkverzeichnis und Textquellen ↗Die Zuordnung und die Kurzdeutungen sind redaktionelle Einordnungen. Externe Werkbelege können zu Textausgaben, Werkverzeichnissen oder wissenschaftlichen Besprechungen führen. Sie ergänzen die Sammlung, ohne geschützte Volltexte hier zu übernehmen.