1905 – 1925 · DIE WELT GERÄT AUS DEN FUGEN
Expressionismus.
Großstadt, Krieg und radikale Verunsicherung drängen in die Sprache. Bilder stoßen aufeinander, vertraute Ordnungen brechen auf.
HINTERGRÜNDE UND ZUSAMMENHÄNGE
Die Epoche verstehen
Krise als gemeinsame Erfahrung
Expressionismus bezeichnet vielfältige künstlerische Aufbrüche vor und während des Ersten Weltkriegs sowie in dessen Nachzeit. In der Lyrik begegnen Großstadterfahrung, Angst, Entfremdung und die Erwartung einer grundlegenden Veränderung. Krieg kann zunächst als Umsturz einer erstarrten Welt imaginiert werden; die Erfahrung tatsächlicher Gewalt führt zu anderen, oft erschütternden Formen. Die Bewegung besitzt weder einen einzigen Stil noch eine einheitliche politische Haltung.
Bilder, Schnitte und übersteigerte Wahrnehmung
Starke Farbkontraste, kühne Metaphern und die abrupte Verbindung voneinander entfernter Szenen prägen viele expressionistische Gedichte. Das Ich kann hinter einer Folge von Bildern zurücktreten; die Stadt wird zur bedrohlichen Macht, die Landschaft zum seelischen Resonanzraum. Regelmäßige Strophen und Reime bleiben dabei durchaus erhalten. Ihre Ordnung kann gerade im Widerspruch zu einer als zerbrechend wahrgenommenen Wirklichkeit stehen.
Fünf unterschiedliche Formen der Beunruhigung
Weltende und Die Dämmerung zeigen das Zusammenrücken disparater Szenen. Heyms Stadtgott verdichtet die Metropole zu einer übermächtigen Gestalt. Trakls Verfall und Grodek verbinden Wahrnehmung, Untergang und Kriegserfahrung auf jeweils eigene Weise. Die Auswahl ist redaktionell begründet. Das verknüpfte Benn-Profil bleibt als Teil des historischen Bestands sichtbar; seine noch nicht freigegebenen Volltexte werden dadurch nicht automatisch veröffentlicht.
EIN LESEWEG DURCH DIE EPOCHE
Fünf prägende Gedichte
Eine redaktionelle Auswahl, kein abschließender Kanon: Zu jedem Werk erfahren Sie, warum es die Epoche anschaulich macht. Bei mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten gehören auch Lieder und längere Versdichtungen dazu. Verfügbare Gedichte öffnen Sie im Archiv, weitere Werke über die angegebene Quelle.
Jakob van Hoddis
Weltende
Die Montage kleiner und großer Katastrophen verändert den Blick auf eine scheinbar normale bürgerliche Welt.
Werkquelle öffnen ↗Alfred Lichtenstein
Die Dämmerung
Unverbundene Szenen und irritierende Beobachtungen erzeugen eine Welt, deren vertraute Zusammenhänge instabil werden.
Werkquelle öffnen ↗Georg Heym
Der Gott der Stadt
Die Personifikation der Großstadt bündelt industrielle Macht, Gewalt und bedrohliche Übergröße in einer mythischen Gestalt.
Werkquelle öffnen ↗Georg Trakl
Verfall
Die sinnliche Wahrnehmung einer Landschaft kippt in eine Erfahrung von Vergänglichkeit und verstörter Schönheit.
Werkquelle öffnen ↗Georg Trakl
Grodek
Die Kriegslandschaft verbindet konkrete Gewalterfahrung mit dichterischen Bildern von Verlust und verstummender Zukunft.
Werkquelle öffnen ↗Die Zuordnung und die Kurzdeutungen sind redaktionelle Einordnungen. Externe Werkbelege können zu Textausgaben, Werkverzeichnissen oder wissenschaftlichen Besprechungen führen. Sie ergänzen die Sammlung, ohne geschützte Volltexte hier zu übernehmen.