Theodor Storm

Traumliebchen

Nachts auf des Traumes Wogen Kommt in mein Kämmerlein Traumliebchen eingezogen, Luftig wie Mondenschein. Sie ruht auf meinem Kissen, Sie stört mich auf mit Küssen Und lullt mich wieder ein. Glühend um meine Glieder Flutet ihr dunkles Haar, Auf meine Augenlider Neigt sie der Lippen Paar. "So küß mich, du blöder Schäfer! Dein bin ich, du süßer Schläfer, Dein heut und immerdar!" "Fort, fort aus meinem Stübchen, Gaukelndes Nachtgesicht! Ich hab ein eigen Liebchen, Ein andres küß ich nicht!" Umsonst, ich blieb gefangen, Bis auf des Morgens Wangen Brannte das rosige Licht. Da ist sie fortgezogen, Schwindend wie Mondesschein, Singend auf Traumeswogen Schelmische Melodein: "Traum, Traum ist alles Lieben! Wann bist du treu geblieben? Wie lang wohl wirst du's sein?"